Ich versuche, die Optik und Poetik der reinen, energiegeladenen Präsenz in Alexander Kaprichevs Gemälden zu erklären. Die gleichzeitige Überlagerung des ständigen Wandels von Formen, Perspektiven und Erinnerungsspuren mit der Kristallisation des Unveränderlichen, das sich in ein Zeichen, in ein Symbol verwandelt, entspricht der vollkommen bewussten, angestrebten Musikalität dieser Malerei.
Musikalische Zyklen und Analogien in der bildenden Kunst treten besonders im Bestreben auf, das Unsichtbare durch das Sichtbare darzustellen – beispielsweise die Zeit oder den nie endenden Augenblick. Bei Paul Klee ist die Idee der Abstraktion und der Musik mit dem Zeitlichen verknüpft, das der Kreativität von Natur und Kunst innewohnt. Klee übertrug Dirigentengesten auf grafische Zeichen – Hieroglyphen, visuell mit musikalischem Inhalt aufgeladen –, aus denen er eine Reihe von Zeichnungen von Booten und Schiffen schuf. Segel und Taue – Symbole für den Lauf der Himmelskörper, Wind und Licht in der Metapher des Gewebes der zeitlichen Existenz – sind ein wiederkehrendes Motiv bei William Turner, dem Vorläufer des Abstraktionismus. Ich sehe eine bedeutsame Entsprechung zwischen der Bildästhetik dieser Künstler und Alexander Kaprichev. Charakteristisch für seine Gemälde ist die facettenreiche Überlagerung von Räumen und unterschiedlich fließenden Zeiten. Es ist kein Zufall, dass die dominanten Titel, die auf den musikalischen Klang verweisen, „Komposition“ lauten. Die Lichtdurchlässigkeit, die Transparenz dieses Gemäldes verfeinert die Fähigkeit des Blicks zu suchen, zu sehen – durch Segel (Schiff und Bild), Saiten, Bögen, Pfeile, Netze, durch unterschiedliche Distanzen zwischen ihnen, über den Horizont hinaus. Eine Selbsterforschung durch Schöpfung – aus dem inneren Archiv von Bildern, Klängen, Licht, Atmosphären und dem Lauschen auf den Ursprung. Ähnlich der Metaphysik der Vorsokratiker, die die Sprache der Elemente – das Stoiheion – betrachten und vernehmen, das „Klangen“ des Seins. Für Heraklit ist das Feuer die Kraft, aus der alles entspringt. Für Empedokles ist das Wasser einer der ersten Klänge des Seins, ein Spiel der Formen, der Zeit und der Erinnerung.
In den Gemälden von Alexander Kaprichev wird der Horizont stets als ein Streben dargestellt – die letzte Grenze der Oberfläche des Sichtbaren im Kontakt mit dem Unendlichen.
Penka Kazandzhieva, Kunsthistorikerin, Nationale Musikakademie, Sofia